Tschüss "Sie", Hallo "Du": Die Kunst der israelischen Direktheit
- 22. März
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Erinnern Sie sich an Ihren ersten Hebräischunterricht? Eine der ersten Fragen, die meine deutschen Schüler oft stellen, ist: "Netta, wie sage ich Sie zu Ihnen?" Und meine Antwort lautet immer: "Gar nicht!"
In Deutschland habe ich furchtbar geschwitzt, wenn ich entscheiden musste, ob ich jemanden duzen oder siezen darf. Im Hebräischen haben wir dieses Problem nicht. Es gibt kein "Sie". Wir duzen alle. Den Busfahrer, den Arzt, die Chefin und sogar den Premierminister.
Diese fehlende Distanz spiegelt sich auch in der Höflichkeit wider. Auf Deutsch verpacken Sie Bitten oft in wunderschöne, lange Sätze: "Könnten Sie mir bitte eventuell das Wasser reichen?" Wenn Sie das auf Hebräisch Wort für Wort übersetzen, wird ein Israeli Sie sehr verwirrt ansehen und denken, Sie spielen Theater. Wir sind berühmt für unsere Direktheit, auf Hebräisch Dugri genannt.
Anstatt langer Konjunktive sagen wir oft einfach תביא לי (Tavi li) – "Bring mir" – oder wir benutzen das zauberhafte Wort אפשר (Efshar), was "Ist es möglich?" bedeutet. Efshar mayim? (Kann ich Wasser haben?). Für deutsche Ohren klingt das anfangs furchtbar unhöflich und schroff. Aber ich verspreche Ihnen, so ist es nicht gemeint! In Israel sehen wir uns alle als eine große Familie. Und in einer Familie braucht man keine steifen Höflichkeitsfloskeln. Man ist direkt, warm und aufrichtig. Das abzulegen, ist schwer, aber wenn Sie es schaffen, sind Sie sofort ein Teil unserer Familie!